Leseproben

„Der Hintern auf Grundeis, das Herz im Himmel“

Für meinen Vater,

der nicht aufhörte an mich zu glauben,

wie weit unten auch immer ich war.

 

Der Rausschmiss

Meine Mutter und ich hatten es nach dem Auszug meines Vaters schwer miteinander. Meine Eltern ließen sich scheiden, was selbst für mich eine Erleichterung darstellte, denn die Stimmung war ständig gedrückt und obwohl mein Vater nur noch die Wochenenden nach Hause kam, nachdem er in München arbeitete, war kein harmonisches Miteinander meiner Eltern mehr möglich. Die Krise begann, als unser Häusl verkauft wurde. Wie hatten nicht so viel Geld, um es selbst zu kaufen und wir mussten ausziehen, was besonders für meinen Vater und mich eine Katastrophe war. Für uns war es die Vertreibung aus dem Paradies. Der Umzug nach Mauthausen, vor den Toren Bad Reichenhalls, war von düsterer Stimmung begleitet. Ich bekam zwar ein eigenes Zimmer, aber die Sehnsucht nach dem Häusl blieb und der Verlust meines Baumhauses schmerzte mich tief.

Ich war seit meiner Pubertät rebellisch und nicht leicht zu führen, und meine Mutter war nervös, ständig krank und mit mir überfordert. Sie zog mit mir nach Himmelreich, vor die Tore Salzburgs, von wo ich mit dem Fahrrad in meine Schauspielschule fahren konnte. Wegen der Enge der Wohnung bekam ich mein Zimmer in der Wohnküche zugewiesen. Und es begann ein nervenzerreißendes Schauspiel, wenn ich die Tür von innen verschloss und meine Mutter nicht in die Küche ließ. Ich schrie: „Das ist mein Zimmer und ich brauche auch meine Intimsphäre!“ Und meine Mutter tobte vor der Küchentür: „Bist du komplett übergeschnappt? Lass mich sofort in die Küche!“ Und sollte ich wieder einmal, in meinen Augen natürlich völlig ungerechterweise, die ganze Wohnung putzen, schmiss ich ihr den Putzlumpen vor die Füße und heulte theatralisch: „Ich bin Künstlerin und keine Putzfrau!“ Es war schrecklich. Ja, es wurde unerträglich.

Eines Tages war meine Mutter so entnervt, dass sie mir an den Kopf warf: „Ich werde dir nichts in den Weg legen, wenn du gehen willst!“. Ich wertete das sofort als Rausschmiss, stolz wie ich war. Ich fragte die Vermieterin unserer Wohnung, ob ich das kleine Zimmer haben könne, das sie ab und zu vermietete. Ich lieh mir sogar Bettwäsche von ihr, denn ich hätte in dieser Situation meine Mutter bestimmt um nichts gebeten. Sicher nicht! So war ich bereits mit 17 auf mich selbst gestellt, lebte zwar im gleichen Haus wie meine Mutter, war aber bedacht darauf, keinerlei Kontakt zu ihr zu haben. Mit meinen diversen Jobs als Bedienung zahlte ich die Miete und hielt mich über Wasser.

Als ich ein Jahr später, ich wohnte inzwischen in Bad Reichenhall, meine Mutter besuchte und einlenken wollte, war sie absolut noch nicht bereit, sich mit mir wieder zu versöhnen. Sie deutete auf meine Ohren und sagte scharf: „Ach da sind meine Ohrringe, da kann ich ja lange suchen, wenn sich Fräulein Tochter daran bedient hat!“ „Na, das kannst du haben“, dachte ich, riss mir die Ohrringe herunter, schmiss sie in den Gang und knallte die Tür zu.

Wir sollten uns fast zehn Jahre nicht mehr sehen, bis ich ihr meinen Mann Sepp vorstellen und ihr von ihrem Enkel Daniel erzählen wollte, sie anrief und wir uns endlich aussprachen und versöhnten. Das Baby, ihr kleiner, süßer Enkel, trug sicher dazu bei, dass wir uns ab da häufiger sahen.

Wir hatten uns immer geliebt, glaube ich heute, nur die Umstände waren zu schwierig, um mit unser beider Temperament und unser beider Hang zur Theatralik miteinander klar zu kommen.

Zu arglos

Ich liebe meine Gäste im Alpgarten. Ich bediene mit einer Kollegin einen Saal mit 300 Sitzplätzen. Ein Gast meint, er würde mir Rollschuhe schenken, damit ich schneller durch den Saal flitzen könne.

Meine Kurgäste sind sehr kooperativ. Sie heben von weitem das Glas und signalisieren mir quer durch den Raum, dass sie nachbestellen wollen. Um halb zehn Uhr abends fange ich an, abzukassieren, damit „meine“ Kurgäste rechtzeitig in die Klinik kommen. Jeder Kurgast weiß, dass er pünktlich einrücken muss, sonst bezahlt er seinen Aufenthalt aus eigener Tasche.

Eine Alleinunterhalterin singt das Kufsteinlied und begleitet sich auf der Ziehharmonika. Die Gäste tanzen und ich nutze die Zeit, die Aschenbecher zu säubern. Zu dieser Zeit qualmt fast jeder. Ob Kurgast oder nicht. Ob krank oder gesund. Irgendwie ist noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, dass Rauchen schädlich ist. Und eine Diskussion über Passivrauchen wäre einfach undenkbar gewesen.

Vor der Pause sagt Karin, die Alleinunterhalterin: „Husch, husch!“ und die Tanzfläche leert sich. Dieses „Husch, husch“ klingt mir noch heute in den Ohren. Es war einfach kitschig schön und ich war wohl auch deshalb so beliebt, weil ich immer mitsang. Die singende Bedienung Ingrid wurde von allen geliebt. Von fast allen. Einige weibliche Kurschatten sind auch eifersüchtig auf mich und geben mir mit kalten Blicken zu verstehen, dass ich mich zurückzuhalten habe.

Um 21.50 Uhr leert sich der Saal schlagartig. Nur vereinzelte Gäste und die Einheimischen am Stammtisch bleiben bis Mitternacht.

Ich setze mich zu den Einheimischen und wir unterhalten uns, lachen und trinken „a Glaserl“. Mein Flocki, der rote alte Ford 12 M steht unten in Reichenhall in der Herzog-Georg-Straße, wo ich meine Großmutter besucht hatte und danach mit einer Freundin nach Bayerisch Gmain herauf gefahren war. Darum frage ich in die Runde, wer mich mitnehmen würde runter nach Reichenhall. „Kannst bei mir mitfahren“, meldet sich ein Mann um die 40. Ich kenne ihn zwar nicht, da er aber am Stammtisch dabei sitzt, ist das ok für mich und ich nicke ihm zu.

Wir brechen Mitternacht nach viel Servus-Rufen auf und ich steige zu ihm in seinen Lieferwagen. Wir fahren los und plaudern belanglos vor uns hin, als ich bemerke, dass er in Richtung Thumsee abbiegt, was nicht mein Heimweg ist. Er wird auf einmal ruhig, stiert geradeaus und tritt aufs Gas. Ich habe ein mulmiges Gefühl. Ich frage ihn, was er denn wolle. Da zwinkert er mir zu und meint, er wolle ein bisschen Spaß haben. Er biegt auf einen Waldweg ein und stoppt in dieser völligen Dunkelheit den Wagen. Dann beugt er sich zu mir herüber und grapscht grob nach meiner Brust. Als ich ihn anschreie, schlägt er mir hart ins Gesicht. Er zerrt an mir und noch versuche ich, mich zu wehren. Panik ergreift mich. Ich denke fieberhaft nach. Was kann ich gegen diesen Verrückten tun? Er reißt an meiner Bluse, die mit einem unschönen Geräusch zerreißt. Er ist brutal. Er krallt sich in meinen Brüsten fest und beschimpft mich, ich solle mich nicht so anstellen. Es ist nicht so leicht für ihn, über den Schaltknüppel hinweg zu mir herüber auf den Beifahrersitz zu steigen. Die ganze Zeit hält er mich mit einer Hand in einer Art Klammergriff an der Brust. Er flucht leise, als er am Schalthebel hängen bleibt.

In diesem Moment schießt mir ein Gedanke durch den Kopf.  Einen Versuch ist es wert. Ich sag zu ihm: „Jetzt wart doch mal, das kannst du auch anders haben!“ Er hält kurz inne. Ich nutze die Pause seiner Attacke, um ihm liebevoll die Hand auf seinen Oberschenkel zu legen, ganz oben. Ich streife sein Geschlecht, das sich fest durch die Hose drückt. Er schaut verwundert auf. Ich erkläre ihm, dass es doch überhaupt nicht toll sei, hier im Auto so unbequemen Sex zu haben. Wir hätten es doch viel schöner bei mir in dem riesigen Bett – und male ihm so manch eine Fantasie aus, die ich mit ihm dort ausleben wolle. Er dürfe mir da alles vom Leib reißen und ich würde es ihm so richtig besorgen. Er springt an. Ich flüstere ihm noch entsprechend heiße Worte ins Ohr und greife etwas beherzter zu, was ihm sehr zu behagen scheint. Er lässt tatsächlich von mir ab und lässt sich zurück in seinen Fahrersitz fallen. Ich beuge mich zu ihm rüber. Massiere ihm mal den Nacken, mal seine harte Körpermitte. Während der  zehnminütigen Fahrt nach Reichenhall, die mir vorkommt wie drei Ewigkeiten, lasse ich meine Hand auf seinem Oberschenkel liegen. Packe ab und an etwas fester zu, so dass er sich bezüglich seiner Vorfreude in Sicherheit wiegt.

Ich erkläre ihm, dass ich den Hausschlüssel im Auto hätte und wir nur dort kurz anzuhalten bräuchten.

Er biegt ein in die Kammerbotenstraße und ich erkläre ihm mit heiserer, sexy Stimme, dass er die nächste rechts in die Einbahnstraße, die Herzog-Georg-Straße fahren soll, wo mein Auto auf der linken Seite steht. Wie schön wäre es jetzt gewesen, wenn meine Großmutter heraus spaziert wäre, um mich ins Haus zu lassen. Mein Auto parkt genau vor ihrer Haustür, der Nr. 1. Er hält gegenüber an. Vor dem Arbeitsamt. Warum mir das jetzt auffällt, weiß ich nicht. Er schaut mich nun doch etwas zweifelnd an, aber ich beuge mich zu ihm, küsse ihn lüstern und greife noch einmal herzhaft bei ihm in die Vollen. Das scheint seine Zweifel zu zerstreuen. Er versäumt es nicht, mir noch einmal kräftig in die Brust zu kneifen und ich stöhne auf, so lustvoll ich das bei dem Schmerz nur hinbekomme.

Die folgenden Sekunden sind die angespanntesten meines Lebens. Das Adrenalin schießt mir spürbar durch den Körper. Ich bin hellwach und konzentriert.

Die Faszination der großen, weiten Welt

Dann kam Silvester 1974 auf 1975. Ich freute mich auf diese Nacht mit der spektakulären Darbietung in „meinem“ exklusiven Club.

Es war ein ausgelassenes Treiben. Champagnerkorken knallten schon den ganzen Abend und ich lernte das erste Mal den Unterschied kennen zwischen Heidsieck und Veuve Cliquot, zwischen Pommery und Dom Pérignon. Ich genoss die schillernde Atmosphäre, die herrlichen Roben der Damen, die eleganten Herren und den bombastischen Auftritt einer brasilianischen Truppe mit prächtigen Kostümen aus bunten Federn und gewaltigem Kopfschmuck.

Die Stimmung war prickelnd wie der Champagner, die Musik fetzig und aufheizend. Die Rauchschwaden zogen durch den Raum und die dämmrige Atmosphäre hatte etwas von Dekadenz und Lust, von Erotik und Ausgelassenheit. Ich selbst fühlte einfach eine kindliche Freude, in dieser, für mich so fremden, schillernden Welt, dabei zu sein.

Es war noch nicht Mitternacht, als mich ein wahnsinniger Schmerz in meinem rechten Bein durchzuckte. Ich fiel auf den Boden. Ein ziehender, dann wieder stechender Schmerz tobte durch mein  Bein. Ich versuchte aufzustehen. Es gelang mir nicht. Ich war verzweifelt, weil ich merkte, dass ich den ganzen Ablauf störte – es war ja kurz vor dem Jahreswechsel und die Gäste wollten volle Gläser haben. Es war furchtbar, auf diese Weise plötzlich im Mittelpunkt zu stehen. Ich wurde von den gerufenen Sanitätern auf eine Trage gepackt und unter all den neugierigen Blicken hinaus in die kalte Winternacht getragen.

Abrupter hätte ein Szenenwechsel nicht sein können.

Die Nacht war klar und kalt. Die Straße menschenleer. Aus dem oberen Stock drang gedämpft die Musik, die mich vor wenigen Minuten noch selbst so berauscht hatte.

Nicht ahnend, was dieser Schmerz bedeutete, der mich bewegungsunfähig gemacht hatte, überkam mich Angst, die mich ab da noch lange begleiten sollte.

In der Klinik erwartete mich die nächste äußerst unangenehme Erfahrung. Bei der Einlieferung wurde ich nach meiner Krankenversicherung befragt und ich musste erklären, dass ich noch nicht angemeldet war und keine Versicherung hatte. Sofort wurde ich aus dem Drei-Bett-Zimmer in eines mit neun(!) Betten geschoben. Ich wurde als Sozialfall behandelt. Ein Stempel, der mich als Mensch zweiter Klasse auswies. Und das sollte ich den ganzen Aufenthalt über zu spüren bekommen.

Erst einmal wurde ich mit Schmerzmitteln schlafen gelegt und bekam die Anweisung, nicht aufzustehen, da ein Verdacht auf Thrombose bestand. Die Ungewissheit, die Ohnmacht und die fremde, abweisende Umgebung ließen mich allerdings nicht schlafen. Unruhig wälzte ich mich hin und her, erntete so manches „psssst!!“ und war froh, als endlich die Nacht vorüber war. Dann begannen die Untersuchungen und ich wurde vorbereitet auf eine Phlebographie  (Untersuchung der Venen mittels Kontrastmittel). Das Bein schmerzte stark, ein ganz ekelhaftes Ziehen und Stechen, und jetzt wurde auch noch das Kontrastmittel gespritzt. Ich hätte heulen können. Der Druck in meinem Bein nahm massiv zu. Ich hatte Angst, dass die Adern platzen könnten. Niemand erklärte mir, was genau geschehen würde. Noch schlimmer als der körperliche Schmerz war jedoch der seelische Schmerz darüber, dass ich so allein war. Ich fühlte mich so verlassen, fühlte mich ohnmächtig und ausgeliefert. Aber ich wollte nicht auffallen und biss die Zähne zusammen, verhielt mich ruhig und tapfer.

Diagnostiziert wurde eine Thrombose und die Therapie bestand aus der Behandlung mit Marcomar (ein Blutverdünnungsmittel) und strikter Bettruhe.

Ich wurde gefragt, ob ich jemanden hätte, der mir Nachthemden, Waschzeug und was ich sonst so brauchte, bringen würde. Ich gab einer Schwester, die für mich dort anrufen wollte, die Telefonnummern von ein paar Kollegen aus dem Nachtclub.

Sie meinte, sie habe eine Frau namens Hellgrid erreicht, die sich bereit erklärt hatte, sich darum zu kümmern. Es hat sich jedoch nie jemand bei mir gemeldet, geschweige denn, mir meine benötigten Sachen gebracht.

Dieses Verlassenheitsgefühl verstärkte meine Angst. Ich hatte niemanden, mit dem ich reden konnte. Ich wollte niemandem zur Last fallen, igelte mich ein und betete, dass ich das alles irgendwie überstehen möge.

Meinen Vater in München anzurufen und ihn um Hilfe zu bitten, wäre mir im Traum nicht eingefallen, ich wollte vor ihm nicht wie eine Versagerin dastehen und zwischen meiner Mutter und mir war Funkstille. Ich wollte „es“ alleine schaffen. Alles wollte ich immer alleine schaffen. Niemals sollte jemand mich klein, schwach, hilflos sehen. Niemals wollte ich klagen, wie ich das von meiner Mutter kannte. Meine Mutter klagte und jammerte fast beständig über irgendwelche Symptome, die kein Arzt je bestätigen konnte. Diese Hypochondrie wollte ich auf keinen Fall an den Tag legen. Aber es war furchtbar, diese Einsamkeit, diese Verlassenheit zu fühlen.

Ich senkte den Altersdurchschnitt im Zimmer erheblich. Diese alten Frauen waren verschlossen und wortkarg. Irgendwie wollte niemand mit mir reden, außer dem Notwendigsten. Genauso die Schwestern. Ja, ich wurde versorgt, mit Medikamenten, Essen und bei Bedarf mit der Schüssel. Aber nicht mit aufmunternden Worten oder einem Lächeln. Ich war der Sozialfall, der schwarz in einem „Etablissement“ arbeitete. Das war nicht jemand, mit dem man gerne zu tun hatte.

Ein Lichtblick für mich war eine junge Frau, die völlig abgemagert eingeliefert wurde. Sie redete mit mir. Erzählte mir von ihren furchtbaren Schmerzen, von ihrer Hoffnung, wieder gesund zu werden und von ihren Kindern und sie hörte mir zu. Ja, sie gab mir wieder ein Gefühl von „in Ordnung sein“.

Ich freute mich mit ihr über ihren Besuch ihrer beiden kleinen Kinder und ihres Mannes. Ich schmiedete mit ihr Pläne. Ich freute mich, dass sie mich zu sich einlud, wenn wir hier wieder entlassen wären. Sie träumte davon, wieder zuzunehmen, wieder richtig schöne Kleider zu tragen. Als sie zur Operation rausgefahren wurde lächelte sie mir zu und hob den rechten Daumen. Ja, sie freute sich auf diese Operation. Sie setzte ihre ganze Hoffnung darauf.

Leider kam sie nach ihrer Operation nicht wieder in das gleiche Zimmer und ich heulte über diesen neuerlichen Verlust. Besuchen konnte ich sie nicht, da ich nicht aufstehen durfte. Es war einfach alles wieder so trostlos wie vorher.

Nach meiner Entlassung wollte ich sie besuchen und fragte nach ihr. Sie war nach der Operation gestorben. Ich hatte keine Telefonnummer, keine Adresse von ihrem Mann und in der Klinik durfte man sie mir auch nicht geben.

Ich muss im Rückblick fassungslos erkennen, dass mich eine totkranke Frau getröstet hat. Sie, die sicher am meisten Trost bedurfte, hat sich meiner angenommen.

Nach meiner Entlassung ging ich zu meinem Chef im Nachtclub, um mit ihm über eine Festanstellung, die er mir im Vorfeld versprochen hatte, zu reden.

Aber er wollte mich nicht einmal mehr als Jobberin haben. Aus, fertig, Schluss, vorbei! Kein Zurück in diese schöne, schillernde, elegante Welt.

Ägypten

Da ich zurzeit kein Auto habe, meint Ayoub, ich könne ruhig seinen BMW haben, da er ihn zurzeit nicht brauchen würde. Na, das lass ich mir nicht zwei Mal sagen und fahre stolz wie Bolle bei „meiner“ Spedition vor, bei der ich zurzeit arbeite. Meine Kollegen fragen dann auch etwas spöttisch und neidisch, ob bei mir der Reichtum ausgebrochen sei. Es macht mir einen riesen Spaß, mit diesem schicken Auto herum zu düsen. Ich lade Laureen auf eine Spritztour ein und wir genießen die anerkennenden Blicke. Ja, wir machen schon eine gute Figur in dieser Edel-Karosse. Ich schwärme ihr von Ayoub vor und sie freut sich mit mir, dass ich so verliebt bin. Das Leben ist schön!

Ayoub fragt mich, ob ich mir so einen BMW selbst verdienen wolle. Er suche noch ein paar Fahrer, die mithelfen würden, Autos nach Ägypten zu überführen. Wir würden im Konvoi mehrere Autos nach Venedig fahren, diese dort aufs Schiff verladen und so nach Ägypten reisen. Der Lohn dafür sei so hoch, dass ich mir davon einen guten gebrauchten BMW würde leisten können und natürlich sei die Schiffspassage, sowie Kost und Logis in Ägypten inklusive. Und ich bekäme schon bei Abfahrt in Deutschland ein offenes Ticket für den Rückflug ausgehändigt.

Meine Abenteuerlust erwacht und ich verspreche, es mir zu überlegen, nachdem er betont, dass das ein ganz legales Geschäft sei und er das jedes Jahr machen würde und damit gutes Geld verdiene.

Ich träume von 1001 Nacht und stelle es mir märchenhaft vor, Ägypten zu bereisen. Und mit Ayoub zusammen wäre ich ja auch beschützt und in guten Händen.

Ayoub ist dann auch begeistert als ich ihm sage, dass ich den ganzen August Urlaub bekäme und mich freuen würde, mit ihm diese Reise zu unternehmen. Er umarmt mich zärtlich und flüstert mir arabische Liebesworte ins Ohr. Habibi! Es ist zum dahin schmelzen. Ich bin doch ein echtes Glückskind!

Wir treffen uns am vereinbarten Parkplatz im Osten Münchens, um die Autos zu übernehmen. Außer Ayoub und mir sind noch fünf junge Männer mit von der Partie, und wir steigen in verschiedene BMWs und Mercedes und los geht die Fahrt in Richtung Bella Italia. Ich bin in bester Stimmung und singe vor mich hin. Ich fahre gern und gut Auto und wir erreichen allesamt wohlbehalten Venedig. Wir fahren zum Campingplatz „Camping Fusina“, der mit dem Vaporetto, nur 20 Minuten vom Zentrum Venedigs entfernt liegt. Dort gibt es nicht nur ein Ristorante sondern auch einen Supermercato, in dem wir noch für die Reise einkaufen. Alles ist bestens organisiert und ich bin in Hochstimmung und sammle all die neuen Eindrücke. Wir übernachten in sogenannten Mobilehomes und ich finde alles spannend und aufregend.

Am nächsten Morgen sind wir alle ausgeruht und gut drauf und fahren die acht Kilometer mit unseren Autos zur Fähre Espresso Egitto. Um die Formalitäten brauche ich mich Gott sei Dank nicht zu kümmern, das erledigt alles souverän Ayoub und einer seiner Kollegen. Als die Autos im Bauch der riesigen Fähre geparkt sind, erkunde ich das Deck und staune über die Höhe des Schiffes. Jeder von uns bekommt seine Kabine zugewiesen, Ayoub und ich eine Doppelkabine. Ich bin total begeistert! Die Kabine ist ausgestattet wie ein richtiges Hotelzimmer. Ich verstaue unsere Sachen und freue mich auf das Ablegen der Fähre. Noch ahne ich nicht, dass ich mich zurücksehnen würde nach dem sicheren Hafen in Venedig.

Wir legen ab und ich kann es irgendwie noch gar nicht fassen: meine erste Reise mit dem Schiff nach Ägypten. Ich kann mich nicht satt sehen an der Hafenkulisse, als Ayoub mich bittet, in die Kabine zu gehen und den Fotoapparat zu holen. Ich sage, dass ich das gleich machen würde, wenn wir abgelegt hätten, weil ich das grad so schön fände, dem Trubel und den winkenden Menschen zuzusehen. Da trifft mich seine Hand hart im Gesicht. Was war das? Ich kann es nicht denken! Ayoub sagt ungerührt: „Jetzt!“ und weiter: „ Ich meine immer „jetzt“, wenn ich „jetzt“ sage!“ Ich schaue ihn entgeistert an. „Kannst du mir erklären, was das soll, Ayoub?“ frage ich ihn. Er sagt: „Da gibt es nichts zu erklären. Du tust einfach das, was ich dich bitte zu tun und zwar sofort!“ Ich gehe völlig verdattert Richtung Kabine. Mein Gehirn arbeitet fieberhaft. Ich versuche das eben Geschehene zu erfassen, zu verarbeiten. Ich kann es einfach nicht einordnen. Hatte mich Ayoub wirklich geschlagen? Der feine, charmante, rücksichtsvolle Ayoub?

Ich bringe ihm die Kamera, gehe zurück zur Kabine und lege mich aufs Bett. Ich bin so fassungslos. Und langsam beschleicht mich eine Angst und eine Gewissheit: ich war ihm ausgeliefert. Er hatte all mein Geld und meine Papiere an sich genommen. Jetzt, da das Schiff abgelegt hatte, konnte ich nicht zurück. Ich musste mit ihm diese Reise durchziehen. Und was mich in Ägypten erwarten würde, machte mir jetzt mehr Angst als Vorfreude.

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